Eine Hamburger Studie zeigt bei Seeleuten abgeflachte Kortisoltagesprofile, aber vor allem bei wachhabenden Offizieren erhöhte Kortisolspiegel.

Der Berufsalltag an Bord von Schiffen ist hart – geprägt von unregelmäßigen Arbeitszeiten und Tätigkeiten, die viel Aufmerksamkeit verlangen, oft großem Stress und harter körperlicher Arbeit, auf einem Untergrund, der immer in Bewegung ist, Krach macht und vibriert. Die Arbeit an Bord erlaubt oft nur kurze Schlafphasen mit vielen Unterbrechungen.

Das Hamburger Zentralinstitut für Arbeitsmedizin und Maritime Medizin (ZfAM) hat Seeleute auf ihren Fahrten begleitet, zu ihrem Stressempfinden befragt und den Kortisolspiegel in Speichelproben bestimmt. Der gibt nicht nur Auskunft über Stress. Kortisol folgt einem Tagesrhythmus mit einem Spitzenwert 30 bis 45 Minuten nach dem Aufwachen. Das Team wollte auch wissen, wie die unregelmäßigen Arbeitszeiten sich auf diesen Tagesrhythmus auswirken. Bei klassischem Schichtdienst flacht die Kurve oft ab – und bei Seeleuten?

Nach Interviews mit 304 Crew-Mitgliedern und über 4000 Speichelproben stellt die Studie fest: Die durchschnittliche Kortisolkonzentration in der ersten Stunde nach dem Aufwachen ist deutlich niedriger als in der gesunden Referenzbevölkerung (0,448 µg/dl vs. 0,685 µg/dl) – ein Zeichen für einen eingeschränkten Tagesrhythmus.

Es zeigten sich deutliche Unterschiede zwischen Seeoffizieren, Deck-Crew und Personal im Maschinenraum. Am höchsten waren die Kortisolspiegel bei Seeoffizieren im Wachdienst, am niedrigsten bei den Männern im Maschinenraum, die meist regelmäßige Tagesdienste verrichten. Die Autorinnen und Autoren der Studie vermuten, dass der Schichtdienst mit unregelmäßigen Schlafzeiten den wachhabenden Seeoffizieren zusetzt und ihr Stresslevel in die Höhe treibt.

Die höchsten Kortisolspiegel hatten die Offiziere während der Hafenaufenthalte, wenn Anlegen, Entladen und Laden höchste Aufmerksamkeit fordern. Der durchschnittliche Kortisolspiegel stieg mit zunehmendem Stress, insbesondere der Arbeitszeit und der Zahl der angelaufenen Häfen.

Quellen
Oldenburg M, Jensen HJ: Saliva cortisol level as a strain parameter for crews aboard merchant ships. Chronobiol Int 2019; 36: 1005–1012

NP-DE-MLV-BRFS-200002, Feb20